Trennungsangst beim Hund erkennen und überwinden

Hund auf Sofa mit zerstörten Kissen

Trennungsangst beim Hund – echt oder doch nur Langeweile?

Wenn ein Hund nicht alleine bleibt, fällt fast immer dasselbe Wort: Trennungsangst. Dabei ist echte Trennungsangst beim Hund nur eine von mehreren möglichen Auslösern – und bei weitem nicht die häufigste.

Trennungsangst beim Hund ist die Diagnose, die seine Menschen sich selbst stellen, noch bevor sie jemanden gefragt haben. Der Mensch verlässt die Wohnung, der Hund heult, die Möbel werden zerstört und die Nachbarn klopfen gegen die Wand. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand – und ist trotzdem in vielen Fällen falsch.

Trennungsangst beim Hund – ein großer Begriff

Echte Trennungsangst beim Hund ist ein physiologischer Ausnahmezustand. Das Kortisol steigt messbar an, der Herzschlag beschleunigt sich, der Hund kann weder fressen noch schlafen, weder sich ablenken noch zur Ruhe kommen.

Sein Nervensystem ist in echtem Alarmzustand, weil sein Körper ihm signalisiert, dass gerade etwas Bedrohliches passiert. Das hat nichts mit Charakter zu tun, und ist auch keine Erziehungsfrage oder Trotz. Es ist ein dysreguliertes Nervensystem – und braucht eine völlig andere Lösung als das, was unter dem Begriff Trennungsangst beim Hund meistens empfohlen wird.

Hinter dem gleichen äußeren Bild – Bellen, Zerstörung, Unruhe – können ganz andere Zustände stecken, die mit Angst und Panik beim Hund nichts zu tun haben. Wer das nicht auseinanderhält, arbeitet am falschen Problem.

Woran wir echte Trennungsangst beim Hund erkennen

Das Entscheidende für echte Trennungsangst beim Hund ist das Timing. Die Reaktion beginnt nicht irgendwann – sie beginnt sofort, oft noch bevor die Tür überhaupt zugefallen ist.

Der Mensch greift zum Schlüssel oder zieht seine Jacke an, der Hund wird unruhig, folgt auf Schritt und Tritt, hechelt ohne körperliche Belastung. Sein Nervensystem läuft bereits im Alarmmodus, weil der Hund die Abfahrtssignale seines Menschen gelernt hat und sie als Bedrohung einordnet.

Sobald die Tür sich schließt, setzt das Verhalten unmittelbar und intensiv ein – Bellen, Jaulen, Kratzen, Zerstören, in schweren Fällen auch Unsauberkeit oder Selbstverletzung beim Versuch auszubrechen.

Was diesen Zustand von allen anderen unterscheidet: Der Hund kann sich nicht mehr selbst regulieren. Er kann in dieser Phase weder fressen noch schlafen. Wenn ein Hund alleine zu Hause frisst, schläft oder sich entspannt hinlegt – auch wenn er vorher aufgedreht war, har keine echte Trennungsangst.

Videoaufnahmen aus der Wohnung zeigen das deutlicher als jede Beschreibung. Was die Menschen zu sehen glauben und was der Hund tatsächlich tut, liegt oft weit auseinander.

Protest – wenn der Hund gelernt hat, dass das wirkt

Protest ist der Zustand, der am häufigsten mit Trennungsangst beim Hund verwechselt wird, weil er von außen fast identisch wirkt. Der Hund bellt, heult, zerstört – seine Menschen kommen zurück, das Problem scheint gelöst. Aber hier beginnt es erst.

Was in diesem Moment passiert, ist lerntheoretisch präzise: Der Hund hat eine Kausalität erfahren. Sein Verhalten hat eine Konsequenz produziert, die er wollte – nämlich die Rückkehr seines Menschen.

Sein Nervensystem registriert das, speichert es ab und wiederholt das Verhalten beim nächsten Mal mit größerer Sicherheit. Denn: Der Hund braucht keine hundert Wiederholungen, um ein Muster zu festigen, das danach sehr schwer wieder aufzulösen ist. EIN Erfolg reicht!

Protest entsteht also nicht, weil der Hund manipulativ ist. Er entsteht, weil seine Menschen – oft in einem einzigen unbeobachteten Moment, aus Mitleid oder Erschöpfung auf sein Verhalten reagiert haben. Das ist menschlich – und es hat Konsequenzen.

Wie erkennen wir Protest?
Der Hund wartet zunächst ab. Er ist unruhig, ja – aber er ist nicht im Ausnahmezustand. Er testet, ob eine Reaktion kommt, ob seine Menschen vielleicht doch zurückkommen. Passiert das nicht, beruhigt er sich, legt sich hin und schläft.

Er sucht versteckte Leckerlies oder kaut an einem Knochen. Das alles sind Verhaltensweisen, die einem Hund in echter Panik schlicht unmöglich wären, weil sein Nervensystem ihn zu anderen Reaktionen steuert.

Ein weiteres Erkennungszeichen: Protestverhalten ist oft variabel – das verwirrt uns Menschen am meisten. Der Hund bellt, wenn sein Mensch morgens zur Arbeit geht. Nachmittags, wenn derselbe Mensch das Haus verlässt, bleibt er vollkommen ruhig. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt nicht im Hund, sondern in dem, was der Mensch morgens anders macht. Morgens ist unser Stress höher – die Routine ist enger getaktet, der Körper angespannter, unsere Energie hektischer.

Der Besitzer verabschiedet sich anders, atmet anders, bewegt sich anders. Der Hund nimmt das alles wahr. Er reagiert nicht auf die Abwesenheit seines Menschen, sondern auf den Zustand, mit dem der Mensch das Haus verlässt. Nachmittags ist dieser Mensch entspannter, das Ritual lockerer, der Körper ruhiger – und der Hund bleibt liegen.

Zum Glück ist das so – es zeigt uns, wo wir ansetzen können. Diese Selektivität gibt es bei echter Trennungsangst beim Hund normalerweise nicht. Echte Trennungsangst beim Hund unterscheidet nicht zwischen Situationen – sie generalisiert.

Wer seinen Hund morgens aufgedreht und nachmittags entspannt erlebt, hat sehr wahrscheinlich keinen Angst-Fall vor sich.

Was erschwerend hinzukommt: Viele Hundebesitzer entwickeln über die Zeit eine Erwartungsspannung, noch bevor sie das Haus verlassen. Sie wissen, was gleich kommt. Dadurch verändert sich ihre Körperspannung und Atmung – die ganze Energie wird anders. Der Hund liest das. Er tritt in die „Trennung“ bereits aktiviert ein.

Denn die inneren Vorgänge seines wichtigsten Lebenspartners signalisieren ihm, dass gleich etwas Bedeutsames passiert. Das verstärkt das Protestverhalten weiter – und macht es für seine Menschen immer schwerer zu erkennen, dass sie selbst Teil des Verhaltensmusters sind.

Langeweile – wenn Energie keinen Ausweg findet

Langeweile als Ursache für das, was wie Trennungsangst beim Hund aussieht, wird am häufigsten unterschätzt – weil es unspektakulär klingt. Ein gelangweilter Hund klingt nach einem kleinen Problem, das einfach zu lösen sein sollte. Das stimmt, solange das Muster noch jung ist. Je länger es anhält, desto stabiler wird es.

Langeweile trifft vor allem Hunde, deren Bedürfnis nach mentaler Auslastung systematisch unterschätzt wird. Das sind häufig Arbeitshunde und Hunde mit hoher Eigenverantwortung – Australian Shepherd, Malinois oder Jack Russells.

Aber auch andere Rassen und Mischlinge sind betroffen. Weil die meisten unserer Hunde nur körperlich bewegt werden – mental aber unterfordert sind. Hunde brauchen Aufgaben, die ihrer Genetik entsprechen. Sie brauchen etwas, wofür sie ihren Kopf anstrengen und Fantasie entwickeln müssen. Wenn das fehlt, suchen sie sich ihre Stimulation selbst.

Wie erkennen wir Langeweile?
Das zentrale Merkmal ist die zeitliche Verzögerung. Der gelangweilte Hund ist zu Beginn oft vollkommen ruhig – er schläft, ruht, döst. Dann steigt sein Aktivitätsbedarf langsam an. Zunächst erkundet er die Wohnung, schnüffelt, sucht.

Dann beginnt das Kauen, das Zerstören, das Scharren. Das Verhalten eskaliert mit der Zeit, nicht sofort. Ein Hund in echter Trennungsangst zeigt diesen zeitlichen Verlauf nicht – bei ihm setzt das Verhalten in den ersten Minuten mit voller Intensität ein und kann sich über Stunden halten.

Ein weiteres Merkmal: Der gelangweilte Hund ist wählerisch in dem, was er zerstört. Er sucht sich gerne Gegenstände mit dem Geruch seines Menschen, bearbeitet weiche, textile Objekte, und erkundet Bereiche, die er sonst meidet. Sein Gehirn sucht Beschäftigung – und findet sie.

Was wir Menschen dabei übersehen: Mehr Auslastung durch Sport und Aktivität löst das Problem nicht. Ein Hund, der zwei Stunden läuft, ist körperlich erschöpft – aber mental noch lange nicht ausgepowert. Weil beim Laufen kein Kopf gefordert ist und auch kein Stress abgebaut werden kann.

Mentale Auslastung bedeutet Nasenarbeit, Denkaufgaben, strukturierte ruhige Interaktion. Sie macht müde und zufrieden auf eine Art, die reine Bewegung nicht erreicht.

Wenn das Leben sich verändert – und der Hund plötzlich nicht mehr alleine bleibt

Trennungsangst beim Hund entwickelt sich meist schleichend, aber manchmal auch schlagartig – ausgelöst durch eine Veränderung im Leben seiner Menschen:

  • Ein Umzug in eine neue Wohnung, in der der Hund das Alleinsein noch nicht kennt.
  • Ein Jobwechsel, bei dem sein Mensch plötzlich lange Tage außer Haus ist, nachdem er monatelang von zu Hause gearbeitet hat.
  • Eine Trennung oder Scheidung, bei der eine Bezugsperson aus dem Alltag verschwindet.
  • Ein Todesfall.
  • Eine neue Routine, die dem Hund den Boden unter den Pfoten wegzieht.

Das deutlichste Beispiel der letzten Jahre war die Corona-Pandemie. Hunde, die monatelang gelernt hatten, dass ihre Menschen immer da sind, standen plötzlich vor einer Situation, die ihr Nervensystem nicht einordnen konnte.

Das hatte nichts mit schlechtem Verhalten des Hundes zu tun. Das war eine Reaktion auf eine reale Veränderung – und sie macht deutlich, wie eng der Hund seinen Alltag an den Alltag seiner Menschen koppelt.

Zwei Schnauzer-Welpen langweilen sich alleine zu Hause

Ein zweiter Hund löst das Problem nicht!

Das ist eine der häufigsten Empfehlungen: Hol dir einen zweiten Hund, dann hat er Gesellschaft. Die Logik klingt einleuchtend. Sie stimmt aber nicht.

Echte Trennungsangst beim Hund ist eine Bindungsreaktion an seinen Menschen – nicht an andere Hunde. Was der Hund vermisst, wenn sein Mensch geht, ist nicht Gesellschaft im Allgemeinen. Es ist diese eine Bezugsperson, deren Abwesenheit sein Nervensystem als Bedrohung einordnet.

Ein zweiter Hund ändert daran nichts. Er kann sogar dazu beitragen, das Aktivitätsniveau in der Wohnung weiter zu erhöhen – weil zwei aufgeregte Hunde sich gegenseitig hochschaukeln.

Die Entscheidung für einen zweiten Hund sollte immer zum Wohl des ersten Hundes getroffen werden. Die Hoffnung, damit ein Verhaltensproblem zu lösen, ist gar kein guter Grund.

Warum ein Hundetrainer selten der richtige Ansprechpartner ist

Das ist der Punkt, den viele Menschen erst verstehen, wenn sie Zeit und Geld investiert haben, ohne dass sich beim Hund etwas verändert hat.

Trennungsangst beim Hund ist keine Erziehungsfrage – der Hund ist weder ungehorsam noch schlecht erzogen – er braucht weder Disziplin noch Kommandotraining. Sein Nervensystem ist in einem Zustand, den kein „Platz“-Kommando der Welt regulieren kann.

Wer versucht, echte Trennungsangst beim Hund über Erziehung zu lösen, verschlimmert das Problem. Weil Druck auf ein ohnehin instabiles Nervensystem dieses weiter destabilisiert. Der Hund wird nach außen stiller – und innen überwältigter.

Was hier gebraucht wird, ist ein erfahrener Verhaltenstherapeut, der den Unterschied kennt zwischen Angstzustand, Protest und Langeweile. Der vor der Intervention eine saubere Diagnose stellt. Und der versteht, dass die entscheidenden Veränderungen nicht beim Hund stattfinden – sondern bei seinen Menschen.

In schweren Fällen ist zusätzliche Unterstützung von Aussen sinnvoll. Bachblüten für Hunde oder Homöopathische Mittel unterstützen das Nervensystem ohne es zu blockieren – der Hund bleibt „erreichbar“. Medikamente lösen das Problem leider nicht. Sie betäuben den Hund, machen ihn dösig – und sind für seine Leber und Nieren auch nicht von Vorteil.

Stell die richtigen Fragen an den richtigen Experten

Wer mit einem Hund, der nicht alleine bleibt, professionelle Hilfe sucht, steht schnell vor einer Vielzahl von Angeboten – Hundetrainer, Verhaltensberater, Coaches, Tierpsychologen.

Die Bezeichnungen sind in Deutschland nicht geschützt, was die Orientierung schwer macht. Entscheidend ist deshalb nicht der Titel, sondern das Wissen dahinter.

Deswegen: Frage dem Experten Löcher in den Bauch, bevor du dich auf ihn einlässt.
Diese Fragen helfen dir, den richtigen Ansprechpartner zu erkennen:

„Mein Hund tobt nur morgens wenn ich aus dem Haus gehe, nachmittags nicht – woran liegt das?“

Eine gute Antwort geht auf den Unterschied im Zustand des Menschen ein, nicht auf den Hund. Wer antwortet „Das ist normal, morgens ist er voller Energie“ oder „Da müssen wir ihn mehr müde machen“, hat das Nervensystem eines Hundes nicht verstanden.

„Brauche ich Videos, ich habe leider keine Kamera?“

Wer antwortet „Ich beobachte den Hund, um mir ein Bild zu machen“ – und nicht nach Videoaufnahmen fragt, diagnostiziert auf Basis von Beschreibungen. Das reicht nicht.

„Was soll ich tun, wenn er anfängt zu bellen?“

Wer hier Disziplin, Ablenkung oder Strafe empfiehlt, arbeitet am Symptom. Wer zurückfragt – „Wann genau fängt er an? Wie verhalten SIE sich in dem Moment?“ – denkt in die richtige Richtung.

„Muss mein Hund Kommandos kennen, damit das klappt?“

Eine rote Flagge ist jede Antwort, die Disziplin oder Korrektur als Voraussetzung nennt. Trennungsangst beim Hund hat mit Gehorsamkeit nichts zu tun. Wer das verknüpft, verwechselt Dominanz mit Verhaltenstherapie.

„Brauche ich irgendwelche Hilfsmittel – Halsband, Disc, Sprühflasche?“

Wer Hilfsmittel als Antwort nennt (Auch Halti oder Maulkorb), arbeitet gegen den Hund – nicht für ihn. Die Antwort hier muss eindeutig „Nein“ sein! Ein überfordertes Nervensystem braucht kein Zubehör – es will Sicherheit spüren.

„Wie lange wird das dauern?“

Seriöse Antwort: „Das hängt davon ab, was wir diagnostizieren – und wie bereit Sie selbst sind, etwas zu verändern.“ Wer eine feste Zahl nennt ohne die Situation zu kennen, verkauft ein Versprechen, das er nicht halten kann.

Und natürlich qualifiziert sich auch ein Therapeut durch die Fragen, die er dir stellt. Wie diese hier:

„Schläft der Hund bei dir im Bett?“
Wer das fragt, will wissen, wie eng die Bindung ist und ob der Hund gelernt hat, dass körperliche Nähe rund um die Uhr selbstverständlich ist. Das ist kein Urteil über das Schlafen im Bett – es ist ein Hinweis auf die Verhaltensmuster.


„Was fütterst du?“

Ernährung sagt viel über den Grundstresslevel des Hundes aus. Industriefutter mit viel Zucker (Mais) und künstlichen Zusätzen belastet das Nervensystem. Dazu kommt, dass Futter die Hormonbildung beeinflusst – und damit auch die Schilddrüse und das Verhalten des Hundes. Wer nach dem Futter fragt, denkt systemisch.


„Wer ist strenger – du oder dein Partner?“

Diese Frage klingt simpel, aber ist es nicht. Sie öffnet das Gespräch darüber, ob der Hund in einem konsistenten oder widersprüchlichen Umfeld lebt. Unterschiedliche Regeln von verschiedenen Bezugspersonen erzeugen Unsicherheit – und Unsicherheit erhöht den Grundstresslevel.


„Wer hat die engere emotionale Bindung zum Hund?“

Das ist die entscheidende Frage hinter allem. Die Person, an der der Hund am stärksten hängt, ist fast immer die Person, deren Abwesenheit sein Nervensystem am stärksten aktiviert. Und sie ist die Person, bei der die Arbeit beginnen muss.


„Auf wen hört der Hund besser?“

Wie der Hund auf wen hört, sagt etwas darüber aus, wessen Signale er als verlässlicher einordnet. Das ist ein Hinweis auf Beziehungsqualität und Klarheit. Und oft der erste Hinweis darauf, dass zwei Menschen mit demselben Hund sehr unterschiedlich kommunizieren – was es dem Hund nicht einfacher macht.

Warum Veränderung immer bei den Menschen beginnt

Das ist der Punkt, der in der Praxis am meisten Widerstand erzeugt, und der gleichzeitig der wichtigste ist. Die Menschen kommen mit dem Hund in die Beratung, der Hund soll verändert werden – und dann stellt sich heraus, dass die entscheidenden Veränderungen bei seinen Menschen stattfinden müssen.

Trennungsangst beim Hund entsteht in einer Beziehung, in einem Alltag, in einem Muster von Signalen, die der Hund über Monate und Jahre gelernt hat zu lesen. Was sein Mensch täglich einbringt – seine eigene innere Ruhe, die Verlässlichkeit von Routinen, die Art des Abschieds und die Art der Rückkehr – formt, was der Hund über das Alleinsein denkt und fühlt.

Die Begrüßung bei der Rückkehr ist dabei unterschätzter als der Abschied. Eine Begrüßung, die zum emotionalen Ereignis wird – aufgeregte Stimme, intensive Zuwendung, alles wird zelebriert – bestätigt dem Hund rückwirkend, dass die Trennung etwas außergewöhnliches war.

Sein Nervensystem zieht daraus eine Schlussfolgerung für das nächste Mal. Sachlich begrüßen bedeutet nicht emotionslos zu sein – es bedeutet: Rückkehr ist normal, alles ist in Ordnung.

Sobald sich der Mensch verändert, verändert sich der Hund. Das ist die Grundlage der CaniKo©-Methode – und dem, was in der Praxis täglich passiert.

Bei Welpen hat das Thema Trennungsangst einen eigenen Schwerpunkt. Wie der Grundstein für entspanntes Alleinebleiben von Anfang an gelegt wird, erkläre ich in meinem Online-Welpenkurs – weil es dort um Prävention vom ersten Tag an geht.

Wie du Trennungsangst beim Hund überwinden kannst

Bevor irgendetwas verändert wird, gehört eine Videoaufnahme aus der Wohnung an den Anfang. Es ist kinderleicht: Handy aufstellen, Wohnung verlassen, eine Stunde warten. Was dann auf dem Video zu sehen ist, zeigt, was der Hund wirklich tut, nicht was seine Menschen vermuten.
Danach beginnt die eigentliche Arbeit – und sie beginnt bei DIR.

Den Abschied entdramatisieren. Kurz, ruhig, gleichbleibend. Ohne langes Ritual, ohne „Ich bin gleich wieder da“, ohne demonstratives schlechtes Gewissen. Je mehr Aufwand beim Abschied, desto deutlicher das Signal an den Hund: Das, was jetzt kommt, ist bedeutsam. Ein Abschied, der keine große Sache ist, sagt dem Hund: Auch das, was jetzt kommt, ist keine große Sache.


Vor dem Aufbrechen kurz innehalten.
Bevor die Jacke angezogen wird, kurz stoppen. Ausatmen. Den eigenen Körper wahrnehmen. Wer gestresst und gehetzt aus dem Haus geht, nimmt diesen Zustand mit – und hinterlässt ihn beim Hund. Dreißig Sekunden bewusstes Ausatmen verändern die Körperchemie messbar. Der Hund merkt den Unterschied.

Die Rückkehr sachlich halten. Den Hund begrüßen, wenn er sich beruhigt hat – nicht wenn er aufgedreht ist. Warmherzig, aber ohne das emotionale Aufmachen, das dem Hund rückwirkend bestätigt, dass die Trennung außergewöhnlich war. Wer seinen Hund bei der Rückkehr immer im aufgeregten Zustand begrüßt, verstärkt diesen Zustand – jedes Mal.

Mentale Auslastung vor dem Alleinebleiben. Nicht mehr Bewegung, sondern nützliche Beschäftigung: Nasenarbeit, Suchspiele, kurze strukturierte Aufgaben machen müde auf eine Art, die reine körperliche Aktivität nicht erreicht. Ein Hund, der seinen Kopf angestrengt hat, legt sich danach anders hin als einer, der nur gelaufen ist.

Feste Routinen schaffen. Feste Fütterungszeiten, feste Schlafplätze, ein verlässlicher Tagesablauf – all das gibt dem Nervensystem des Hundes Struktur. Vorhersehbarkeit beruhigt. Ein Hund, der weiß, was als nächstes kommt, braucht weniger Energie für Wachsamkeit.

Den eigenen Grundstresslevel beachten. Wer selbst dauerhaft unter Stress steht, lebt mit einem Hund, dessen Nervensystem das widerspiegelt. Das lässt sich verändern.

Was du ab jetzt lassen solltest

Den Hund beim Abschied trösten oder beruhigen. „Es ist alles gut, ich komme bald wieder“ – das klingt fürsorglich – aber ist es nicht. Wer einen Hund beruhigt, bestätigt ihm, dass es etwas zu beruhigen gibt. Der Hund lernt: Wenn mein Mensch so mit mir spricht, ist die Situation offenbar ernst.

Zurückgehen, weil er bellt – auch nur einmal, auch nicht um nachzuschauen. Jede Rückkehr auf Bellen hin festigt die Kausalität: Bellen bringt seinen Menschen zurück, und das Muster ist danach schwerer aufzulösen als vorher.

Die Begrüßung bei der Rückkehr zum Ereignis machen. Aufgeregte Stimme, enthusiastisches Streicheln, der Moment wird zelebriert – all das signalisiert dem Hund, dass die Trennung tatsächlich etwas Außergewöhnliches war. Seine Menschen meinen es gut – der Hund lernt das Falsche daraus.

Strafen, wenn er bellt oder Dinge zerstört. Ein Hund in echtem Angstzustand kann sein Verhalten nicht kontrollieren – er hat keine Wahl. Strafe auf ein dysreguliertes Nervensystem trifft einen Hund, der ohnehin schon am Limit ist. Das Ergebnis ist mehr Stress, noch weniger Fortschritt.

Dem Hund direkt vor dem Alleinsein intensive Aktivität zumuten. Ein Hund, der kurz vor dem Alleinsein aufgedreht gespielt oder getobt hat, ist körperlich ausgelastet und nervlich hochgefahren. Das ist keine gute Ausgangslage für Ruhe. Aktivität vor dem Alleinsein sollte ruhiger, strukturierter Natur sein – kein wildes Spiel, das das Aktivierungsniveau hochfährt.


Auf Rat aus dem Internet vertrauen, ohne zu wissen, was der Hund wirklich zeigt
. Videoaufnahme und Diagnose zuerst – alles andere danach. Verlass dich nicht auf andere Amateure, frage den richtigen Experten! Alles andere kostet dich wertvolle Zeit.

Was die Forschung dazu sagt

Trennungsangst beim Hund ist eines der meistuntersuchten Verhaltensthemen der Hundeforschung – und trotzdem eines, bei dem in der Praxis nach wie vor viel falsch gemacht wird. Drei Studien liefern dazu die solideste Grundlage.

Stephan, Leidhold & Hammerschmidt (2021) untersuchten per Videoaufnahme, was Hunde tatsächlich tun, wenn sie alleingelassen werden – in Ein- und Mehrhundehaushalten.
Stephan, G., Leidhold, J., & Hammerschmidt, K. (2021). Pet dogs home alone: A video-based study. Applied Animal Behaviour Science, 244, 105463. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2021.105463

Harvey et al. (2022) untersuchten britische Haushalte während und nach der COVID-19-Pandemie. Während viele Hunde mit bestehenden Problemen sich verbesserten, entwickelte jeder zehnte Hund, der vorher unauffällig war, nach der Rückkehr zu längeren Alleinzeiten neue Verhaltensauffälligkeiten.
Harvey, N. D., Christley, R. M., Giragosian, K., Mead, R., Murray, J. K., Samet, L., Upjohn, M. M., & Casey, R. A. (2022). Impact of changes in time left alone on separation-related behaviour in UK pet dogs. Animals, 12(4), 482.
https://doi.org/10.3390/ani12040482

De Assis et al. (2020) zeigten in einer Videoanalyse, dass trennungsbezogene Störungen das Ergebnis verschiedener zugrundeliegender Zustände sind – Unbehagen, Frustration, Angst – mit überlappenden Anzeichen unterschiedlicher Intensität.
De Assis, L. S., Matos, R., Pike, T. W., Burman, O. H. P., & Mills, D. S. (2020). Developing diagnostic frameworks in veterinary behavioral medicine: Disambiguating separation related problems in dogs. Frontiers in Veterinary Science, 6, 499.
https://doi.org/10.3389/fvets.2019.00499